Read Gesamtkunstwerk Stalin: Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion by Boris Groys Online

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Title : Gesamtkunstwerk Stalin: Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion
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ISBN : 3446187863
ISBN13 : 978-3446187863
Format Type : Hardcover
Language : Deutsch
Publisher : Carl Hanser Verlag GmbH Auflage 2 1 Januar 1988
Number of Pages : 136 Seiten
File Size : 679 KB
Status : Available For Download
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Gesamtkunstwerk Stalin: Die gespaltene Kultur in der Sowjetunion Reviews

  • StevenStone
    2019-04-21 08:43

    Der Kultur- und Literaturwissenschaftler, der Medientheoretiker aus Ostberlin, der in Russland studiert und lange gearbeitet hat, legt kurze Zeit nach der Öffnung Russlands unter Gorbatschow seine sehr ambitionierte Analyse über Kulturgeschichte und Selbstverständnis des nachrevolutionären Russland vor. Der zentrale Zugang liegt natürlich in der Person Stalins und so heißt sein Buch folgerichtig „Gesamtkunstwerk Stalin“. Als interessiertem Laien ohne Studium von Kunst-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften ist mir die Lektüre schwer gefallen. Aber auch ohne dass man allen seinen kunst- und kulturtheoretischen Ausfaltungen folgen könnte, bietet das 120 Seiten umfassende Buch doch die Chance, dem großen Rätsel Sowjetunion und dem Nachfolgestaat Putins, möglichen russischen Sonderbedingungen etwas näher zu kommen. Seine Darstellung beginnt mit der russischen künstlerischen Avantgarde und bedeutsamen Theoretikern wie Bogadanov, Chelbnikow, Majakowskij und noch früher Solowjew. Offensichtlich bot der riesige Raum des Landes und sein geringer Organisationsgrad verbunden mit der verbreiteten Überzeugung, weit hinter dem westlichen Europa zurückzustehen, einer intellektuellen Elite, allen voran zunächst Lenin, die Möglichkeit, einen beispiellosen Neubeginn der Geschichte zu inszenieren. Die Geschichte zu transzendieren und den neuen und endgültigen Menschen zu erfinden. Eine solche durchgreifende Revolution ist in der Neuzeit beispiellos. Noch wahnsinniger und furchtgebietender wird sie dadurch, dass es wie sonst in allen anderen Revolutionen kein Erwachen, keine Relativierung durch wieder erstarkende konservative Kräfte gab. So nahm das Verhängnis seinen Lauf und entstand eine nur schwer begreifbare Despotie, die vollkommen zentralistisch auf den „großen Wachhabenden“ Stalin ausgerichtet war. Machtfülle, Unangreifbarkeit und Unfehlbarkeit Stalins hängen eng zusammen mit dem systematisch anerzogenen Bewusstsein, dass hier etwas Neues, nie Dagewesenes quasi Eschatologisches sich ereignet. Herkömmliche Maßstäbe können zu seiner Beurteilung nicht taugen. Opfer müssen selbstverständlich gebracht werden. Blutzoll und Verheerung sind geradezu der Ausweis und das Zeugnis davon, dass hier etwas Einmaliges und Endgültiges geschieht. Jede Mäßigung ist verdächtig, ist konterrevolutionär. Der visionäre große Führer Stalin wird mit göttlichen Qualitäten ausgestattet. Seine Eigenschaften sind Güte u n d unerbittliche Verurteilung in Verein. Sie sind kein Widerspruch, sondern bedingen sich gegenseitig. Gegnern wie etwa Trotzkij werden wie gefallenen Engeln satanische Eigenschaften zugeschrieben. Kunst ist kein Abbild und keine Meditation über das Leben – das ist bourgeoises Verständnis - sondern die Schaffung des Idealtypischen, die Erfindung dessen, was einmal werden muss und soll. Insofern gibt es keinen Unterschied zwischen Politik und Kunst. Die erste Erschütterung war die Entstalinisierung, in der die „Fehlentwicklung“ des Personenkultes zum ersten Mal thematisiert wurde, die Millionen Opfer nurmehr erahnt wurden. Eine viel tiefgreifendere Erschütterung war der Zusammenbruch der Vielvölker-Sowjetunion und ihre Neuordnung. Jetzt wurde – bis heute nicht abgeschlossen - eine Umformung vorgenommen, die aus westlicher Perspektive nur schwer verstehbar ist. Einerseits wurde der verordnete Internationalismus liquidiert und das „alte Russland“ wiedererweckt. Slavophiler Lobpreis der besonderen russischen Tugenden mit seiner Überlegenheit über westliche Dekadenz und westlichen Liberalismus, Renaissance des orthodoxen Christentums, andererseits in gewisser Kontinuität mit der kommunistischen Sowjetunion rigider Etatismus. Der Statt als Übervater, der sorgt und auf dem man vertrauen kann, der aber in erster Linie das Individuum für das geliebte Staatsvolk in die Pflicht nimmt, der Gehorsam und Wohlverhalten fordern kann und individualistisch-libertären Wildwuchs streng zur Ordnung ruft. Die postmoderne kulturell-künstlerische Situation im neuen Russland hat nach Meinung von Groys zwangsläufig Überschneidungen und Konvergenzen mit der westlichen Szene. Das Ende der politischen Utopien, Verlagerung der kollabierten großen Mythen in den Alltag, Nivellierung von Abstufungen der Kunst und Kultur, Akzeptanz von Massenkultur und neuen Medien, Leugnung schöpferischer Orginalität, all das ist nun im Westen wie im Osten zu bilanzieren und zu finden.

  • Anna Rehn
    2019-03-26 08:44

    Groys Analysen und Beobachtungen sind scharf, wissenschaftlich fundiert und deswegen erhellend. Für Liebhaber der russischen Kunstgeschichte, der russischen Kunst vor und nach der Revolution, mit einem ausgeprägten Interesse an der Theorie, des Kontextes und der Praxis ein Muss - in meinen Augen.