Read Mutterbilder und ihre ideologischen und religiösen Bezüge by Corinne Rickenbacher-Fromer Online

Title : Mutterbilder und ihre ideologischen und religiösen Bezüge
Author :
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ISBN : 3725306974
ISBN13 : 978-3725306978
Format Type : PDF
Language : Deutsch
Publisher : Verlag R egger Auflage 1.Aufl Januar 2001
Number of Pages : 104 Pages
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Mutterbilder und ihre ideologischen und religiösen Bezüge Reviews

  • Buenos Yorkos
    2019-03-16 18:16

    Gegen Ende ihrer Arbeit schreibt die Autorin: "Meine subjektiven Erfahrungen ermöglichten mir, vertiefte Erkenntnisse zu erarbeiten. Diese Arbeit wurde ganz in der Tradition der 'dynamischen Objektivität' geschrieben" (260). Tatsächlich wird der Leser in ein theoretisches Labyrinth (vielleicht ist die Bezeichnung 'theoretische Achterbahn' passender) geschickt. Offensichtlich ist dies dem Anspruch geschuldet, "keine allgemein gültigen Rezepte weiterzugeben, sondern jede Frau und Mutter in ihrer eigenen Indvidualität und in ihrem sozialen Kontext zu sehen und zu respektieren und diese jedoch auch theoretisch mitzureflektieren". Die Arbeit lässt jedenfalls jede innere Systematik und jede Form von konsequenter Argumentation vermissen.Z.B. behauptet die Autorin allen Ernstes, dass die geschlechtliche Rollenverteilung ein Produkt dessen ist, was sie als "bürgerliche Gesellschaft" imaginiert. Gegenargumente gegen ihre These zieht sie dabei nicht in Betracht. Zweifel an der Richtigkeit ihrer These melden sich auch nicht, als sie tradierte Mutterbilder im Christen- und Judentum (und teilweise auch im alten Griechenland und im alten Rom) untersucht. Vielleicht hätte es der Autorin nicht geschadet, Gerda Lerners "The Creation of Patriarchy" gelesen zu haben. Sie hätte dann erfahren, dass die geschlechtliche Rollenverteilung bzw. die Benachteilgung der Frau schon seit Jahrtausenden tradiert wurde und erst in der bürgerlichen Gesellschaft diese Tradition hinterfragt wurde und wird (seit wann gibt es denn eine Frauenbewegung?). Stattdessen zieht es die Autorin vor, die 'gute alte' Agrargesellschaft und sog. 'Naturvölker' zu verklären und die darin herrschenden Gewaltverhältnisse zu ignorieren. Am Ende des Buches erfährt der Leser den Grund für diesen gedanklichen Kraft- bzw. Gewaltakt: "Die Mutterideologie stellt ein künstliches Gebilde dar, das keineswegs als universell und natürlich zu betrachten ist. Diese Ideologie und die mit ihr implizierte Familienform existiert historisch gesehen nur seit 200 Jahren. In diesem Sinne wäre diese Ideologie theoretisch auch wieder veränderbar" (259). Um also den Beweis für die Nicht-Universalität und Nicht-Natürlichkeit der herrschenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu liefern, muss die bürgerliche Gesellschaft nun als Sündenbock herhalten. Im Prinzip ist Kritik an den herrschenden Verhältnissen nicht (unbedingt) falsch. Dass sie aber mit ihrer hanebüchenen Argumentation und der gleichzeitigen Verklärung größtenteils überwundener Verhältnisse hinter die Errungenschaften eben dieses Bürgertums zurückfällt, will ihr nicht einfallen.Auch ihre Kritik an Rousseau, der die Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann zum Naturzustand erklärt, geht an der Sache vorbei. Sie folgert nämlich: "Der Naturzustand stellt meines Erachtens die bürgerlich-männliche Sehnsucht dar nach Unabhängigkeit, Autarkie und absoluter Freiheit" (35). Die Autorin argumentiert hier analog zum obigen Beispiel: statt Unabhängigkeit, Autarkie und absolute Freiheit auch für Frauen zu fordern, werden diese Ideale auf ihre Feindbilder, d.h. die Männer und die bürgerliche Gesellschaft projiziert. (Es fragt sich bloß, welche Ideale aus Sicht der Autorin umgekehrt in 'antibürgerlich-weiblichen' Sehnsüchten herbeigesehnt würden - etwa die Rückkehr zum Kollektivzwang der schweizerischen Agrargesellschaft oder der 'Naturvölker' in Übersee?).Weitere reaktionäre Auswüchse, die der offenkundigen Denkfaulheit der Autorin geschuldet sind, stellt z.B. die zwar im Grunde berechtigte aber inkonsequent geführte Kritik an biologistischen Thesen etlicher Psychoanalytiker (Carl R. Rogers, Salvador Minuchin, Margaret Mahler, John Bowlby u.a. ' deren Relevanz sich übrigens aufgrund einer nicht erfolgenden bis mangelhaften historischen Einordnung nicht aus dem Text erschließen lässt) dar. Diese erfolgt nur dann, wenn sie die Thesen der Autorin stützt. Umgekehrt unterstellt die Autorin den Menschen unkritisch 'natürliche' bzw. 'angeborene' Eigenschaften, solange sie ihrer Argumentation dienen. In dieser Hinsicht hervorstechend ist ihre Behauptung, dem Menschen sei das jeweilige 'Temperament' angeboren - eine Behauptung die dazu dient, ihre Forderung nach einer individuellen, geschlechtsunabhängigen Erziehung theoretisch zu untermauern. Den Rassismus dieser Unterstellung (wenn aber das 'Temperament' eines Menschen bzw. ein 'Temperamenttyp' mit seiner 'Kultur' im Widerspruch steht, ist das sein Pech, vgl. 171) ignoriert sie beflissentlich oder nimmt ihn gar in kauf.Ein weiterer Widerspruch in diesem Zusammenhang: einerseits kritisiert sie Carl R. Rogers Forderung nach bedingungsloser Empathie der Mutter bzw. der Betreuungsperson gegenüber dem Kind als völlig einseitig und unrealistisch, andererseits fordert sie im Zuge ihrer Temperament-These eine solche Empathie ' wohl, um den Rassismus ihrer These zu verschleiern.Ein letzter bedenklicher Widerspruch, den ich noch nennen möchte, ist die völlig undifferenzierte Kritik der u.a. von Freud behaupteten Prägsamkeit von Kindheitserfahrungen. An ihrer Stelle setzt die Autorin die Behauptung, dass kindliche Traumata durch später erfolgende, der traumatischen Erfahrung entsprechende, positive Erfahrungen einfach annulliert würden. Gewalt in der Familie spielt also für die Autorin keine oder kaum eine Rolle. In ihrer Argumentation ist sie jedenfalls nicht existent und wird durch die oben genannte Argumentation verharmlost. Sie übernimmt also ohne weiteres das Bild der von ihr kritisierten Kleinfamilie (wobei sich ihre 'Kritik' in der Feststellung der Historizität der Kleinfamilie erschöpft), die in der "bürgerlichen Ideologie" (offensichtlich gesteht sie dem Bürgertum keinen Wandel oder Konflikte zu, bzw. keine Aspekte, die darüber hinausweisen), als heile Welt, als Refugium gegenüber dem Arbeitsalltag imaginiert wird.Dass Familie per se Gewaltverhältnisse (Kinder werden als Eigentum der Eltern betrachtet, starre monogame Struktur, 'fremdgehen' wird sanktioniert usw.) impliziert, ignoriert die Autorin gerne, denn es geht ihr hauptsächlich darum, "jede Frau und Mutter in ihrer eigenen Individualität und in ihrem sozialen Kontext zu sehen und zu respektieren", egal, wie reaktionär der Lebensentwurf einer solchen "Frau und Mutter" auch aussehen mag, denn"Sich auf ein Kind einlassen bedeutet, Einstellungen wie Fürsorge, Verantwortungsgefühl und Achtung zu entwickeln. Es bedeutet, dass das Kind einem im Herzen liegt und ein Interesse an seinem Wachstum und Glück vorhanden ist. Es impliziert eine Begegnung auf einer tiefen Ebene, die schließlich tiefe und intensive Gefühle auslöst. Mihaly Csikszentmihaly (...) spricht von Flow. Glück beinhaltet ein Gefühl des Fliessens, eine Vertiefung findet statt, die das eigene Selbst vergessen lässt, - der Mensch ist voll in seinem Tun drin. Das Zusammensein mit seinen Kindern bietet oft intensive Flow-Erlebnisse. Hier werden menschliche Erlebnisse auf verschiedenen Ebenen befriedigt. Das Bedürfnis nach Fürsorge, Achtung und Respekt. Die Freude am Wachstum eines Menschen, den wir lieben, die Herausforderungen und Anpassungen an die jeweiligen Entwicklungen des Kindes, die unmittelbaren und sinnlichen Rückmeldungen seitens des Kindes auf unseren Bemühungen" (236).Fazit: Eine äußerst ärgerliche Anhäufung von Ressentiments, Vorurteilen, Fehlargumentationen, inneren Widersprüchen und Hirngespinsten, die die angeblich emanzipatorischen Absichten der Autorin größtenteils in ihr Gegenteil verkehrt. Den Tiefpunkt bildet dabei das von der Autorin halluzinierte, esoterisch anmutende, autoritär-reaktionäre Erziehungsnirvana, die sog. 'Flow'-Utopie. Dazu passt ihr Ruf nach Vater Staat, wenn es um Kinderbetreuung geht. In ihrem Untertatendenken zieht die Autorin wohl einen gesamtgesellschaftlichen 'Flow' emanzipatorischen Kämpfen und Vernetzugsstrategien vor. Zudem setzt die Autorin, was Kinderheime und Kindertagestätten angeht, wohl auf den 'Flow' zwischen Betreuer und Kind, der es schon irgendwie richten wird, statt sich eingehend mit den darin herrschenden Missverhältnissen (eine Aufzählung reicht nicht!) auseinanderzusetzen. Dementsprechend fallen ihre Alternativvorschläge zur herrschenden Situation äußerst mager aus. Dass dieses Machwerk an der Universität Zürich als Dissertation angenommen wurde, deutet darauf hin, wie sehr sich die Schweiz gegenwärtig intellektuell auf Tauchstation befinden muss. Insgesamt ein Buch, dass seine Lesezeit und Geld nicht wert ist.